In Alarmbereitschaft: Ängste bei Kindern mit Asperger

 

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Auch wenn Kinder mit Asperger nach aussen häufig recht unauffällig und angepasst wirken, erleben viele von ihnen innerlich ein hohes Mass an Unsicherheit. Dies zeigt sich zum Beispiel auf Ausflügen, bei einer Geburtstagseinladung, auf dem Pausenplatz, bei Planänderungen oder wenn sie vermeintlich etwas «Falsches» sagen.

Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum entwickeln daher besonders häufig Angststörungen oder zwanghafte Verhaltensweisen. In diesem Artikel wollen wir die Hintergründe für diese innere Unsicherheit und Unterstützungsmöglichkeiten näher kennenlernen.

Überblick und Zahlen

Psychische Begleiterkrankungen kommen bei Menschen mit Autismus ausgesprochen häufig vor. Gemäss Studien weisen 70–75 % der Kinder und Jugendlichen mit Autismus mindestens eine zusätzliche psychiatrische Diagnose auf, eine Rate, die wesentlich höher ist als in der Allgemeinbevölkerung (Guerrera et al., 2022). Unter diesen Komorbiditäten gehören Angststörungen zu den häufigsten: 30–40 % der Kinder mit Autismus erfüllen die Kriterien einer Angststörung (van Steensel et al., 2011).

Auch Zwangsstörungen zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus deutlich häufiger als bei neurotypischen Kindern. Eine Metaanalyse von 21 Studien mit insgesamt 8916 Kindern und Jugendlichen ergab eine gepoolte Prävalenz von Zwangsstörungen (OCD) von 11,55 % (Aymerich et al., 2024).

Nicht selten werden zunächst diese psychischen Störungen diagnostiziert, bevor eine Autismus-Spektrum-Störung als zugrunde liegende Problematik erkannt wird.

Warum sind Kinder mit Asperger anfälliger für Angst?

Es gibt mehrere Gründe, warum Kinder mit Asperger häufiger unter Ängsten leiden als andere Kinder.

Sensorische Überempfindlichkeit

Viele Kinder mit Asperger nehmen Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen viel intensiver wahr als andere. Was für uns normal ist, kann für sie überwältigend sein. Ein lauter Schulkorridor, das Summen einer Leuchtstoffröhre oder eine volle Turnhalle können das Nervensystem so stark belasten, dass Angst entsteht, auch ohne dass ein konkreter Auslöser erkennbar ist.

Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit

Kinder mit Asperger verarbeiten ihre Umwelt sehr detailliert und gründlich. Das ist eine Stärke, bedeutet aber auch, dass unbekannte oder unerwartete Situationen viel mehr kognitive Energie kosten als bei anderen Kindern. Gewohnte Abläufe geben wichtige Orientierung. Wenn der Stundenplan kurzfristig ändert, die Lehrperson fehlt oder ein Ausflug anders verläuft als geplant, kann das zu echter Überforderung und Angst führen, auch wenn es von aussen wie eine Kleinigkeit wirkt.

Unsicherheit in sozialen Situationen

Soziale Situationen laufen bei Kindern mit Asperger anders ab als bei neurotypischen Kindern. Während die meisten Kinder intuitiv spüren, was in einer Gruppe gerade passiert, müssen Kinder mit Asperger das bewusst analysieren. Sie fragen sich: Was meint er damit? Habe ich etwas Falsches gesagt? Was wird als nächstes passieren? Diese ständige Analyse ist anstrengend und macht soziale Situationen unvorhersehbar. Unvorhersehbarkeit ist einer der stärksten Angstauslöser überhaupt.

Das Gehirn reagiert schneller mit Alarm

Studien zeigen, dass das Angstzentrum im Gehirn, die Amygdala, bei Kindern im Autismus-Spektrum auf soziale und emotionale Reize stärker und länger reagiert. Das bedeutet: Situationen, die für andere harmlos wirken, können im Nervensystem des Kindes echten Alarm auslösen. Das ist keine Überreaktion oder Schwäche, sondern eine neurologische Eigenheit.

Schwierigkeiten, die eigene Angst zu erkennen

Viele Kinder mit Asperger haben Mühe, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Angst zeigt sich bei ihnen deshalb häufig nicht als Angst, sondern als Bauchschmerzen, Kopfweh, Gereiztheit, Rückzug oder als Meltdown. Eltern beschreiben oft, dass ihr Kind «aus dem Nichts» explodiert oder sich weigert, in die Schule zu gehen. Hinter solchen Verhaltensweisen steckt oft eine anhaltende Anspannung, die sich unbemerkt aufstaut.

Ängste und Zwänge: wo ist der Unterschied?

Eine häufige Bewältigungsstrategie von Kindern und Jugendlichen mit Autismus ist es, Kontrolle über ihre Umwelt herzustellen. Feste Regeln und Rituale helfen, ein Gefühl der Kontrolle zu schaffen. Typische Beispiele sind das Beharren auf festen Abläufen, das wiederholte Nachfragen zur Absicherung oder das Festhalten an starren Regeln für alltägliche Handlungen.

Diese autistischen Routinen dürfen jedoch nicht mit einer Zwangsstörung verwechselt werden. Bei Zwängen stehen intrusive Gedanken im Vordergrund, zum Beispiel: «Wenn ich die Türe nicht dreimal berühre, bevor ich das Haus verlasse, passiert etwas Schlimmes.» Die zwanghafte Handlung dient also primär dazu, die Angst vor einer Katastrophe oder einem Fehler zu reduzieren. Autistische Rituale und Routinen hingegen dienen der Beruhigung des Nervensystems und der Strukturierung des Alltags.

Aus autistischen Routinen können aber Zwänge entstehen, wenn diese mit intrusiven Gedanken verbunden werden.

Was Eltern tun können

Ängste ernst nehmen

Was von aussen wie Sturheit oder Verweigerung aussieht, ist häufig Ausdruck eines überforderten Nervensystems. Es hilft, nicht zu fragen «Warum stellst du dich so an?», sondern «Was macht dir gerade Angst?» Kinder, die sich verstanden fühlen, können besser regulieren.

Struktur und Vorhersehbarkeit schaffen

Ein klarer Tagesablauf ist für Kinder mit Asperger kein Komfort, sondern eine echte Notwendigkeit. Visuelle Stundenpläne, feste Rituale für Übergänge (zum Beispiel morgens vor der Schule) und das frühzeitige Ankündigen von Veränderungen helfen dem Nervensystem, ruhig zu bleiben. Je weniger das Kind mit Unbekanntem konfrontiert wird, desto geringer ist die Grundanspannung.

Veränderungen vorbereiten

Wenn eine Veränderung ansteht, zum Beispiel ein Schulausflug, ein Arztbesuch oder ein Umzug, lohnt es sich, das Kind so früh wie möglich darauf vorzubereiten. Konkrete Informationen helfen: Wer ist dabei? Wie lange dauert es? Was passiert danach? Fotos, Karten oder ein kurzes Gespräch im Voraus können die Angst deutlich reduzieren.

Nicht alles auf einmal angehen

Angst ist am besten in kleinen Schritten zu überwinden. Wenn ein Kind sich zum Beispiel vor dem Schulsport fürchtet, hilft es nicht, es einfach hineinzuwerfen. Besser ist es, gemeinsam herauszufinden, was genau Angst macht, und dann schrittweise an Lösungen zu arbeiten. Dabei sollte das Kind so viel Kontrolle wie möglich behalten, zum Beispiel selbst entscheiden, welcher Schritt als nächstes kommt.

Gefühle benennen lernen

Da viele Kinder mit Asperger ihre eigenen Gefühle schwer erkennen, hilft explizites Üben. Emotionskarten, auf denen Gefühle mit Bildern dargestellt sind, können helfen. Auch das gemeinsame Gespräch nach einem schwierigen Erlebnis ist wertvoll: «Du hast dich heute geweigert, in die Pause zu gehen. Ich frage mich, ob da vielleicht Angst dahintersteckt.» So lernen Kinder nach und nach, ihre inneren Zustände zu erkennen und zu benennen.

Die sensorische Umgebung anpassen

Es lohnt sich, genau hinzuschauen, welche sensorischen Reize dem Kind besonders zusetzen. Manchmal sind es Geräusche in der Schule, manchmal bestimmte Stoffe, manchmal Menschenmassen. Kopfhörer zur Geräuschreduktion, reizarme Rückzugsmöglichkeiten oder das Anpassen von Kleidung können die Grundbelastung deutlich senken und damit auch die Angstanfälligkeit reduzieren.

Spezialinteressen als Ressource nutzen

Das Spezialinteresse eines Kindes mit Asperger ist weit mehr als ein Hobby. Es ist ein Ort der Sicherheit und der Kompetenz. In Momenten der Überforderung kann der Rückzug ins Spezialinteresse das Nervensystem beruhigen. Eltern können das aktiv unterstützen, indem sie diesen Rückzug nicht als Flucht sehen, sondern als sinnvolle Selbstregulation.

Fachliche Unterstützung holen

Wenn die Ängste das Alltagsleben stark beeinträchtigen, zum Beispiel wenn das Kind nicht mehr in die Schule gehen will, sich sozial vollständig zurückzieht oder körperliche Beschwerden entwickelt, ist es sinnvoll, eine Fachperson aufzusuchen. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist auch bei Kindern mit Asperger wirksam, muss aber auf die Besonderheiten des Autismus abgestimmt sein. Es gibt speziell entwickelte Programme, zum Beispiel «Exploring Feelings» von Tony Attwood, die konkret und strukturiert arbeiten und gut zu diesen Kindern passen.

Fazit

Angst bei Kindern mit Asperger ist die nachvollziehbare Folge eines Nervensystems, das die Welt anders verarbeitet. Wer versteht, warum diese Kinder so empfindlich auf Veränderungen, soziale Situationen und sensorische Reize reagieren, kann ihnen gezielter helfen.

Der wichtigste erste Schritt ist oft der einfachste: ernst nehmen, was das Kind erlebt. Nicht jedes schwierige Verhalten ist Trotz, nicht jede Verweigerung ist Faulheit. Dahinter steckt meistens ein Kind, das gerade mehr trägt, als von aussen sichtbar ist.

Mit der richtigen Unterstützung, klaren Strukturen und einem verständnisvollen Umfeld können Kinder mit Asperger lernen, ihre Ängste besser zu verstehen und zu bewältigen. Das braucht Zeit und Geduld. Aber es lohnt sich.